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• CD | Johannes Brahms: Die schöne Magelone, op. 33

Johannes Brahms: Die schöne Magelone

Magelone im Originalklang

Die 15 Romanzen aus L.Tieck´s Magelone (1861-1869) sind der größte und gleichzeitig anspruchsvollste Lied-Zyklus von Johannes Brahms. Die quasi sinfonischen Lieder zeigen passend zur romantischen Märchenvorlage einen bei Brahms einmaligen jugendlich-schwärmerischen Gestus und fordern von Sänger und Pianist gleichermaßen Höchstleistungen.

Das Deutsch-Japanische Liedforum Tokyo mit Dominik Wörner (Bassbariton) und Masato Suzuki (Hammerflügel) wird den hohen Anforderungen mühelos souverän gerecht. In einer vorbildlichen Originalklang-Produktion mit Referenzcharakter an einem historischen Streicher-Flügel (Wien 1870) mit Holzanhang, dessen baugleiches Schwesterinstrument der Komponist in seiner Wiener Wohnung stehen hatte, hat das Lied-Duo dieses Meisterwerk soeben bei ARS mustergültig eingespielt mit im aufwändigen Booklet enthaltenen, eigens für das Projekt gemalten Illustrationen des Märchens von Kensaku Fukazawa.


• CD | Franz Schubert: Schwanengesang

Franz Schubert: Schwanengesang

Authentischer Schubert mit Schwanengesang-Trio

Im Verzeichnis der Werke von Franz Schubert taucht gleich dreimal ein Schwanengesang auf. Einmal ist dies ein Schwangesang D 318 von 1815, dann ein Schwanengesang D 744 von 1822 und schließlich der berühmte „Schwanengesang“ D 956 aus dem Todesjahr 1828, dessen Titel posthum der Liedersammlung von dem Wiener Verleger Tobias Haslinger 1829 verliehen worden war.
Das gesamte Schwanengesang-Trio ist nun mit weiteren Schubert-Liedern auf einer Einspielung bei ARS-Produktion Schumacher erschienen mit Bachpreisträger Dominik Wörner, einem „der interessantesten Bassbaritöne der jüngeren Generation“ (Klassikmagazin Crescendo) und dem Fortepiano-Spezialisten Christoph Hammer.

Den beiden Künstlern ist eine hochspannende Interpretation der Schwanengesänge gelungen. Zwei ebenbürtige Musiker der Alten Musik-Szene, die beim Freilegen der mitunter extremen dynamischen Kontraste der Partituren – namentlich der Heine-Gruppe - kein Risiko scheuen. Da wird das ganze Spektrum an Klangfarben und Schattierungen vom dreifachen Piano bis zum dreifachen Forte meisterhaft ausgelotet. Bewundernswert der Nuancenreichtum im trefflichen Deklamieren Wörners, der es versteht, mit seinem nobel timbrierten Bassbariton die Poesie mit fantasievollem Auskosten auch kleinster Wortsilben vor dem geistigen Auge des Hörers lebendig werden zu lassen. Hammer ist ihm mit seinem betont zupackenden Spiel ein kongenialer Partner, der sehr aufmerksam begleitet und es versteht, gezielt Akzente zu setzen ohne zu übertreiben, dabei den Reichtum an Klangfarben des historischen Flügels voll ausschöpfend.
Zum Vergleich: Während das Duo Prégardien/Staier 2008 in seiner Version des Schwanengesangs eine moderne Hammerflügel-Stilkopie verwendet, haben die Interpreten für diese Produktion ein Instrument gewählt, welches nicht näher am authentischen Klangbild sein könnte: ein originaler Wiener Hammerflügel aus der Werkstatt von Conrad Graf, gebaut 1827/28, und noch mit originaler Belederung. So atmet die Aufnahme förmlich den Geist einer Schubertiade, hat doch der Meister selbst die Grafschen Instrumente hoch geschätzt und gerne gespielt, wie übrigens auch nachweislich seine berühmten Kollegen Beethoven, Chopin, Liszt oder Schumann.
Das informative Booklet bietet eine ausführliche Einführung in die Entstehungsgeschichte der Sammlung und begründet schlüssig die ungewöhnliche Reihenfolge der Lieder auf der CD.
Nach der gefeierten Aufnahme der Winterreise des Liedduos Wörner/Hammer, ebenfalls erschienen bei ARS, ist diese auch klanglich hervorragende Einspielung ein weiteres Plädoyer in Sachen Originalklang, das aufhorchen lässt. Authentischer kann man Schubert nicht hören !

REZENSION

Bemerkenswerte Schlaglichter

Eigene Wege geht das Liedduo Dominik Wörner und Christoph Hammer. Statt ihrer bereits vorliegenden 'Winterreise' nun die 'Müllerin', den anderen großen Zyklus des Liedoeuvres Franz Schuberts folgen zu lassen, entschieden sie sich für den sogenannten ‚Schwanengesang‘ – jene Kompilation, die gar nicht auf den Komponisten zurückgeht, sondern auf seinen Verleger Tobias Haslinger. Der fehlenden Autorisierung tragen Wörner und Hammer auf ihrer neuen, bei Ars Produktion erschienenen CD auf kundige, originelle Weise Rechnung.

Die traditionelle Haslingersche Reihenfolge wird geändert. Die beiden Blöcke der Sammlung – die Rellstab- und die Heine-Lieder – werden voneinander getrennt und intern umgestellt. Das vormals letzte Lied, die 'Taubenpost', rückt zwischen sie. Ergänzend geschieht ein Griff in den reichen Fundus des Schubertschen Liedschaffens: Anfang und Ende bilden zwei frühe, mit 'Schwanengesang' betitelte Lieder Schuberts (D 318 nach L. Th. Kosegarten und D 744 nach J. Chr. Senn), 'Sehnsucht' D 636 (nach F. Schiller) steht an der Seite der 'Taubenpost', und zum Rellstab-Komplex tritt mit 'Herbst' D 945 die einzige Vertonung dieses Dichters durch Schubert, die nicht Eingang in die Haslingersche Sammlung fand.

Lob des Flügels

Ein veritables Schubert-Kompendium zum Thema (Todes-)Sehnsucht also, das Wörner und Hammer da vorlegen. Aber dieser neuartige Zugang zur Sammlung ist bei weitem nicht der einzige Vorzug, den die CD aufzuweisen hat. Das Instrument der Aufnahme ist jenes von Conrad Graf (Wien, 1827/28), das die beiden Musiker schon auf ihrer 'Winterreise' begleitete. Sein Klang ist sehr weich, dem des heutigen Flügels überraschend ähnlich, aber dennoch eine Spur eigenwilliger. Vor allem in der Mittellage fühlt man sich an den dünnen, silbrigen Ton älterer Hammerflügel erinnert, während das markige Bassregister sich zu großer Fülle von geradezu eherner Mächtigkeit steigern kann (man vergleiche z.B. 'Herbst' D 945). Überhaupt scheinen die Ausdrucksmöglichkeiten gegenüber modernen Flügeln bei größerer Farbigkeit differenzierter, facettenreicher zu sein. Selbst, dass der Anschlag (etwa bei den Bass-Tremoli in der 'Stadt') nicht ganz so zuverlässig ist wie bei neueren Konzertflügeln, stört kaum, fügt sich vielmehr überzeugend in die Gesamtcharakteristik ein.

Das Lob des Instrumentes fällt natürlich auch auf den Pianisten: Christoph Hammer zeigt sich als sensibler, kongenialer Begleiter mit trefflichem Gespür für die Möglichkeiten des Flügels: Man höre nur einmal, was da in den monolithischen Akkordfolgen des 'Doppelgängers' alles webt und schwebt! Welche flirrenden Klangkaskaden da in der kosmische Dimensionen evozierenden Architektur des 'Atlas' entfesselt werden!

Dominik Wörners staunenerregender Bassbariton

Diese beiden Lieder sind überhaupt mit die beeindruckendsten Nummern der CD. Selten hat man sie in vergleichbarer Eindringlichkeit gehört. Der Flügel mit seinem enormen Klangpotenzial erweist sich als vollkommene Ergänzung von Dominik Wörners staunenerregenden Bassbariton. Auch dessen Wandlungsfähigkeit ist enorm – etwa, wenn die letzte Aufgipfelung des 'Doppelgängers' ('so manche Nacht') binnen Silben in eine verzagende Geste ('in alter Zeit') zusammensinkt. Es beeindruckt die kräftige, scheinbar lückenlose Durchbildung der Stimme von der dunklen, wahrhaft profunden Tiefe bis in die immer noch substanzreiche Höhe, ihre Klarheit und ihr weicher Schmelz, das mühelos entfaltete Volumen, das sich im 'Atlas' erschütternd zum ‚entfesselten Schrei des gebrochenen Herzens‘ (so Wörner im Beiheft-Text) steigert. Die Frage, ob man das so rückhaltlos expressiv singen dürfe (‚Franzl, du übertreibst‘, wurde Schubert anlässlich dieses Liedes angeblich von seinen Freunden entgegengehalten), kommt da gegen das bestürzende Klangerlebnis kaum auf...

Vielleicht kein Zufall, dass diese nachhaltigsten Momente der CD ausgerechnet in den Heine-Liedern zu finden sind. Nicht nur ist deren dichterische Qualität den Texten Rellstabs unerreichbar, in denen man gleichwohl, insbesondere in den gelegentlichen nachtschwarzen Stimmungen ('so sinket die Hoffnung des Lebens dahin'), eine individuelle Handschrift zu erkennen glaubt. Auch an musikalischer Radikalität haben Schuberts Heine-Vertonungen kaum ihresgleichen. Dem Interpreten machen sie es teilweise einfach – einfacher als die vergleichsweise konventionelleren Rellstab-Lieder... Alles wirkt äußerst solide und außerordentlich klangschön vorgetragen...

Alles in allem ... gilt: Hier liegt eine unbedingt hörenswerte neue Interpretation von Schuberts ‚Schwanengesang‘ vor, die ... nicht zuletzt durch das überzeugende inhaltliche Konzept – auf das ‚apokryphe‘ Werk einige höchst bemerkenswerte Schlaglichter wirft.

Klassik.com | Gero Schreier, 21.01.2011

• CD | Johann Sebastian Bach: Motets

Bach Motets

Die im April 2010 mit dem renommierten Diapason d´Or ausgezeichnete CD des Bach Collegium Japan unter Masaaki Suzuki hat nun auch den Jahrespreis 2010 der Deutschen Schallplattenkritik gewonnen.

Mitwirkende sind:
Yukari Nonoshita & Aki Matsui, soprano | Damien Guillon, counter-tenor | Satoshi Mizukoshi, tenor | Dominik Wörner, bass | Bach Collegium Japan, choir & orchestra | Masaaki Suzuki, conductor

REZENSION

Jahrespreis 2010 der Deutschen Schallplattenkritik
Das Bach-Collegium Japan unter seinem Leiter Masaaki Suzuki hat sich für Bachs Motetten viel Zeit gelassen. Erst nach der Beschäftigung mit den Kantaten, Passionen, Oratorien und der h-moll-Messe haben sich die Profisänger aus Tokyo der hochvirtuosen Vokalarchitektur zugewandt, die sich in Bachs Motetten exemplarisch spiegelt. Das Ergebnis ist erstaunlich. Diese Aufnahme mischt die Erkenntnisse der Musikwissenschaft mit sinnlicher Lust und anspringender Intelligenz der Textdeutung. Was die Musizierpraxis betrifft: Instrumente spielen die Vokalparts mit, bisweilen schälen sich Solisten aus dem Gesamtchor heraus. Bei Altmeister Bach war das nicht anders. Die CD ist auch der Triumph eines Teams, denn die Japaner produzieren seit je beim schwedischen Label BIS.
Für die Jury: Wolfram Goertz

Jede der Motetten präsentiert das Ensemble als funkelndes und schillerndes Klangjuwel quasi in 3-D, mit präziser Aussprache und Artikulation des Deutschen. Sehr schön, dass die Motette 'O Jesu Christ' BWV 118 dabei ist, ein absolutes Meisterwerk.
Audio 04 / 10

Der hervorragend eingestimmte japanische Kammerchor widmet sich den Bach'schen Kleinoden mit so viel sängerischer Leidenschaft, souveräner Musikalität und untadeligem idiomatischen Verständnis der altertümlichen deutschen Sprache ("... ob es itzt gleich kracht und blitzt..."), dass man sich dem Schwung kaum entziehen kann.
FonoForum 05 / 10

Seit man Dank der historisierenden Aufführungspraxis für die Aufführung der Motetten Johann Sebastian Bachs mehr und mehr auf professionelle Vokalensembles zurückgreift, die wohl allein den immensen stimmtechnischen Schwierigkeiten dieser Musik befriedigend gerecht zu werden vermögen, sind immerhin einige sehr gelungene Aufnahmen entstanden: Nach wie vor zählt die 1995 entstandene, solistisch besetzte und instrumental verstärkte Einspielung von Cantus Cölln dazu und auch die Version von Julian Podger mit solistischer Sängerbesetzung plus Continuo-Instrumentarium darf in diesem Zusammenhang genannt werden. Es handelt sich um sängerisch nahezu makellose Umsetzungen, die aufgrund der relativen Mühelosigkeit, mit welcher die Interpreten den Notentext bewältigen, auch der adäquaten Interpretation des eigentlichen Inhalts breiten Raum geben konnten – schließlich ist Bachs Musik voll von "sprechenden" strukturellen Elementen, durch die der Textinhalt ganz unmittelbar auch auf musikalischer Ebene zur Geltung kommt. Dass Masaaki Suzukis lang erwartete Einspielung der Motetten in puncto Qualität zu den oben genannten gesellt werden könnte, war zu hoffen gewesen, wenngleich Suzukis Chor in den bisherigen Kantaten-Einspielungen nicht immer ein gleichbleibend höchstes Niveau zu liefern in der Lage war. Nun zeigt sich, das Suzukis Aufnahme streckenweise sogar noch mehr bietet als die eingangs charakterisierte Spitzenqualität: Suzuki, der die Motetten übrigens mit einem klein besetzten Chor (allenfalls vier bis – im Sopran – sechs Sänger pro Stimme, oft weniger bis hin zur solistischen Besetzung) und teils mit Colla-parte-Instrumenten, immer aber mit Continuo musiziert, gestaltet vielerorts noch expliziter vom Text her als seine Vorgänger. Man höre etwa den Beginn von "Komm, Jesu, komm" und erlebe, wie die Aussage "Mein Leib ist müde" interpretatorisch umgesetzt wird. Man vertiefe sich in die Verse von "Jesu, meine Freude" und begeistere sich am ganz selbstverständlichen Durchscheinen ihres Inhalts nicht nur in der Musik als solcher, sondern gerade auch in ihrer Verwirklichung durch Suzuki und seine Spitzenkräfte. Bei aller inhaltlichen Gewissenhaftigkeit scheint indes auch die pure Freude an der großartigen Musik beim Aufnehmen nicht zu kurz gekommen zu sein: Der erste Teil von "Singet dem Herrn ein neues Lied" etwa groovt auf wirklich mitreißende Weise mehr als in den meisten anderen guten Einspielung. Glückwunsch nach Japan: eine Meisterleistung!
Rondo Klassikmagazin | Michael Wersin, 27.02.2010

Nur eine Eisenstange könnte seiner Frische, Ernsthaftigkeit und geistigen Kraft ungerührt wider- stehen." Das schrieb die Times über Masaaki Suzuki, den Gründer und musikalischen Leiter des Bach Collegiums Japan. Und damit hat die britische Zeitung ohne Zweifel recht.
Der Spezialist für Alte Musik arbeitet seit Jahren mit seinem Ensemble an einer Gesamt- einspielung von Bachs Vokalwerk für das schwedische Label BIS Records. Diese CD enthält die fünf allgemein bekannten Motetten Bachs, und noch drei weitere Werke, um deren Authentizität bzw. Gattungszugehörigkeit Musikwissenschaftler streiten. Suzuki weiß das, aber es ficht ihn nicht an. Denn von Bach kann das japanische Ensemble offensichtlich nicht genug bekommen.
Jeder Takt, den Suzuki und seine Musiker erklingen lassen, ist theoretisch wohlfundiert. Und natürlich setzt das Bach Collegium Japan bei der Aufführung von Bachs Motetten Instrumente ein. Die Interpretation erinnert in ihrer Schwerelosigkeit und Beschwingtheit stark an die Vortragsmanier der American Bach Soloists. Auch das Bach Collegium Japan ist so schlank besetzt, dass die gesamte Einspielung eher solistisch als chorisch wirkt. Das hat Vorteile. So wird überaus reich verziert, und die Tempi erscheinen durchweg ausgesprochen mutig. Es hat aber auch Nachteile, denn es erschwert die dynamische Differenzierung. Es fehlt der Wechsel zwischen Solisten und Tutti, und das nimmt der Doppelchörigkeit an manchen Stellen schon etwas von ihrem Reiz.
Unterm Strich jedoch ist diese CD ausgesprochen hörenswert; das Bach Collegium Japan ist ohne Zweifel ein erstklassiges Ensemble, und die (Barock-)Sänger sind ohne Einschränkungen exzellent.

Ouverture – das Klassik-Blog, 11. Februar 2010

Wunderbarer Bach
Masaaki Suzuki hat mit seinem Bach Collegium Japan bislang schon einen umfassenden Blick auf das vokale Schaffen Johann Sebastian Bachs geworfen und vervollständigt seine interpretatorische Perspektive nun mit den bekannten Motetten BWV 225 bis 230, ergänzt um die Sätze 'Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn‘ BWV Anhang 159 und 'O Jesu Christ, meins Lebens Licht‘ BWV 118.
Und es sei vorweggenommen: Suzuki gelingt mit seinen langjährig erfahrenen Vokalisten eine beglückende Aufnahme. Der in der achtstimmigen Grundformation je Stimme doppelt und in den Sopranen dreifach besetzte Kammerchor wird von Suzuki ideal zur Entfaltung seiner Möglichkeiten geführt: Es formieren sich homogene, sehr kompakte Register, die alle kompositorischen Strukturen plastisch erkennbar werden lassen. In den lyrischen Passagen finden die Akteure zu einem ausgesprochen charmanten Zusammenklang. Alles wirkt beim Bach Collegium Japan leicht, selbstverständlich, schlicht in höchstem Maße durchdrungen und bewältigt. Alle Sängerinnen und Sänger beherrschen die musikalische Materie technisch, stilistisch und artikulatorisch derart mühelos, dass über keine einzige wirklich heikle Stelle zu berichten ist.
Masaaki Suzuki trägt zu diesem Ergebnis einen erheblichen Teil bei: Er wählt vielfach erstaunlich frische Tempi, was zugleich auch die Gestaltung dezidierter Gegensätze erlaubt. Der Chor entfaltet eine erhebliche Kraft, in der virtuosen Fuge 'Die Kinder Zion sei’n fröhlich‘ in BWV 225 einen fast muskulösen Klang. Dieses von Suzuki in sichere Bahnen geleitete Temperament kontrastiert gelingend mit den sensiblen, ruhigeren Abschnitten. Insgesamt ist die Handhabung der dynamischen Möglichkeiten der Formation sehr differenziert, findet Suzuki sehr entschiedene musikalische Charaktere und Klanggestalten.
Zwei weitere Entscheidungen beeinflussen die Interpretation positiv: Suzuki kontrastiert den vollen Chorklang – insoweit bei 18 Sängerinnen und Sängern in der herkömmlichen Tradition des Wortes davon die Rede sein kann – mit solistisch besetzten Abschnitten, etwa in der ausgedehnten Motette 'Jesu, meine Freude’BWV 227 und im einleitenden 'Singet dem Herrn ein neues Lied‘ BWV 225. Und er ordnet den Stimmen mitgehende Instrumente zu – bei den doppelchörigen Werken Streicher für den ersten und Holzbläser für den zweiten Chor, sonst nach diesem Vorbild gebildete Kombinationen. Das bringt eine eigene klangliche Sphäre in die Werke ein, die gelegentlich sehr intensiv ist, das vokale Element aber nie verschattet.
Klanglich profitiert die Aufnahme von der langjährigen Erfahrung mit dem Aufnahmeort, der Kobe Shoin Women’s University Chapel. Zwischen den verschiedenen klanglichen Sphären herrscht eine ausgeprägte Harmonie, alle dynamischen Stufen werden sehr gelungen abgebildet, Transparenz ist ein vorherrschendes Grundprinzip. Und trotz der mitgehenden Instrumente ist die Plastizität des Klangs sehr ansprechend.
Dass Suzuki zwei üblicherweise häufig nicht mit dem Repertoirekern BWV 225 bis 230 aufgenommene Werke hinzuzieht, lockert ein oft doch monolithisch wirkendes Programm aus Bach-Motetten spürbar und gelungen. Diese Aufnahme der Bachmotetten bietet eine runde und komplette Interpretation, die dem Repertoire im Bereich der Einspielungen mit einem Kammerchor einen durchaus eigenständigen, frischen Impuls gibt und sich sehr gut positioniert.

Interpretation: 5
Klangqualität: 4
Repertoirewert: 4
Klassik.com | Dr. Matthias Lange, 26.03.2010

Die Motetten Johann Sebastian Bachs sind unerreichte Gipfelwerke einer Gattung, die bis in das Mittelalter zurückreicht. Bachs Klangfantasie und charakteristische Tonmalereien innerhalb einer höchst kunstvollen polyphonen Bauweise erfordern denn auch den über jeden Zweifel erhabenen und verantwortungsvollen, auch rein stimmtechnisch überlegenen Interpreten, um von bloßem Schönklang zu einer die Motetten mehr als alles andere dominierenden lebendigen Wort-Ton-Beziehung und zu glaubhaftem Ausdruck zu gelangen. Um es gleich zu sagen: Dem Rang von Gipfelwerken ist Masaaki Suzukis instrumental begleitete Motetten-Interpretation in allen Belangen ebenbürtig. Dank einer Sängerriege von außerordentlicher Güte, die sowohl in einer kleinen chorischen Besetzung, als auch in solistisch ausgeführten Partien zu einem das Innerste berührenden Ensembleklang verschmilzt, gelingt es Suzuki, die Emotionalität als Triebkraft der Bachschen Musik bezwingend herauszuarbeiten. Dabei muss er den sechs bekannten Werken sowie den beiden Motettensätzen Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn BWV Anh. 159 und O Jesu Christ, meins Lebens Licht BWV 118 nicht einmal einen persönlichen Stempel aufdrücken; vielmehr lässt Suzuki mit bestechender Selbstverständlichkeit die Musik selbst - durchaus wörtlich zu verstehen - zu Wort kommen. Und so vermittelt mir die Transparenz, mit der diese rhetorisch aufgeladenen Schöpfungen - vor allem die doppelchörigen Sätze - hier ausgebreitet werden, in gleichem Maße auch die spürbare Freude aller Beteiligten an einer tief empfundenen Text- und Klanggestaltung, den Eindruck absoluter Einmaligkeit, an die keine mir bekannte Aufnahme herankommt. So unvergleichlich federnd der doppelchörige Jubel Singet dem Herrn ein neues Lied und die grandiose Schlussfuge Alles was Odem hat von BWV 225, so eine beispielhaft ergreifende und nach innen gewandte Ausdruckskraft im hymnisch bittenden und in dem schlichten Choral Drum schließ ich mich in deine Hände gipfelnden fünfstimmigen Komm, Jesu, komm BWV 229, so unwiderstehlich elastisch und schwungvoll die vierstimmige Motette Lobet den Herrn, alle Heiden BWV 230, im Großen wie im Kleinen eine so mustergültige Unmittelbarkeit des Ausdrucks - all das hat schlichtweg Referenzcharakter.
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität: 10
Gesamteindruck: 10
Klassik heute | Christof Jetzschke, 29.03.2010

Seit 1995 widmet sich Masaaki Suzuki mit seinem Bach-Collegium Japan konstant der Einspielung der Musik des ehemaligen Leipziger Thomaskantors. Erst jetzt standen die Motetten Bachs auf der Agenda. Sie sind Gipfelwerke der Chormusik und nehmen auch bei Masaaki Suzuki eine Sonderstellung ein. Er zaubert die Substanz hinter der Oberfläche hervor. Sein Bach-Collegium ist über die letzten Jahre hörbar mit Bach verwachsen und das spürt man bei dieser Aufnehme. Virtuosität, Intonation und Homogenität sind dem Ensemble so selbstverständlich, als wäre Bach schon immer ein Japaner gewesen.
mdr.de Take 5 klassisch

ENDLICH! Von vielen Suzuki-Fans seit Jahren sehnsüchtig erwartet: Die Aufnahme der Motetten. Für Suzuki Werke, deren Aussagekraft menschliche Worte bei weitem übersteigt, und von einer kreativen Kraft, „die uns in dieser Welt überleben lässt.“ Immer schon stritten sich die Gelehrten darüber, ob diese Werke a cappella oder mit Instrumentalbegleitung aufzuführen sein. Suzuki hat sich für letzteres entschieden, und die Begleitung reicht vom Orgelpositiv über Streicher bis zu verschiedenen Kombinationen von Streichern und Bläsern. Aber natürlich stehen die wunderbaren Sängerinnen und Sänger des Bach Collegium Japan im Mittelpunkt dieser Einspielung. Ein Chor, von dem der Rezensent in Diapason nach Hören der H-moll-Messe sagte, es sei „ein Ensemble, von dem man träumen muss.
Classicdisc.de

Das Bach Collegium Japan wurde 1990 von seinem musikalischen Leiter Masaaki Suzuki mit dem Ziel gegründet, japanische Hörer mit Aufführungen der großen Werke des Barock auf historischen Instrumenten vertraut zu machen. Die Konzerte und Aufnahmen des BCJ (bestehend aus einem Orchester und einem Chor) beschränken sich schon lange nicht mehr auf die japanische Zielgruppe, im Gegenteil. Heute gehört dieses Ensemble zu den besten der Welt, viel Aufsehen erregte die Europatournee im Jahre 2008. Seit 1995 entsteht eine Gesamtaufnahme sämtlicher Bach-Kantaten, die kontinuierlich fortgesetzt wird. Mit der hier empfohlenen Einspielung der Bachschen Motetten widmet sich das BCJ einem Repertoire, das zum schönsten und anspruchsvollsten der Musikgeschichte gehört. In den teilweise hochkomplizierten doppelchörigen Chorwerken hat Bach seine ganze detailreiche Kunst der Wortvertonung, Kontrapunktik und Musikalität spielen lassen. Suzuki und sein Ensemble bewältigen die beträchtlichen Schwierigkeiten nicht nur meisterhaft, das geniale Zusammenspiel von Text und Musik dieses Werks wird unmittelbar erfahrbar. Und bei aller inhaltlichen und technischen Gewissenhaftigkeit scheint indes auch die pure Freude an dieser großartigen Musik beim Aufnehmen nicht zu kurz gekommen zu sein: Der erste Teil von "Singet dem Herrn ein neues Lied" etwa tanzt auf wirklich mitreißende Weise mehr als in den meisten anderen guten Einspielungen.
Eine neue Referenzaufnahme.

Rimpo.de

 

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